Heute gilt’s! Wie weit sind wir in der Lage zu laufen? Brechen wir ab oder springen wir wie junge Rehe über die Rheinwiesen? Heute machen wir Flachstrecke. Mindestens 33 Kilometer.
Am Parkplatz “Imbiss am Rhein” in Budenheim stellen wir das Auto ab. Auf dem Radweg Flussabwärts marschieren wir los Richtung Bingen. Die ersten Kilometer ist wieder einlaufen angesagt. Heute zwickelt es weniger im Knochengerüst. Kann auch am Wetter liegen. Es ist fast richtig Frühling. Die Sonne ist noch nicht superwarm, aber man kann schon Farbe kriegen. An Wegmarkierungen haben wir gar nichts zu beachten. Der Weg geht immer geradeaus am Fluß entlang. Viele werden die Stecke kennen.
Horst zieht spielend vorne weg. Die größere Schrittlänge macht sich bemerkbar. Ich muss schon schnaufen, komme aber bald in meinen Rhythmus und halte den Abstand ganz tapfer.
So früh am Morgen ist der Weg noch nicht sehr voll mit Läufern, Radlern und Spaziergängern.
Im Nu sind wir in Heidenfahrt. Netter Treff mit Parkplatz, Gaststätte und Bierzelt im Sommer. Die Enten sind bald handzahm und dauerverliebt. Sehr schön rauschen sie knapp über unsere Köpfe. Die Landemanöver im Wasser sind sehenswert. Auf dem angrenzenden Platz errichten die ersten Dauercamper ihre Burgen. Hunde markieren, fußlahme Damen runden die frühe Frühjahrsszene ab.
Endlich Kilometer zehn. Wir vespern. Fingersalami, Studentenfutter avec Kranbeeren und Herrenschokolade. Wir frieren leicht während der Strom still dahin fließt. Eigentlich marschieren wir. Zehn Minuten auf tausend Meter. Es geht gleich weiter……Pause.
Der Weg ist ein typischer Radweg. Mal Schotter, Asphalt, mal Feld- und Wiesenweg. Meine Schuhe “Aku Arriba” gehen gut. Hab sie gründlich eingelaufen. Horst hat seine Hanwag Lhasa an den Füßen. Ich bin zwar mäßig skeptisch, seiner Aussage nach drückt aber nur der kleine Zeh etwas. Auf alle Fälle dampfen seine Füße schon, während meine wohl temperiert bleiben.
Horst trägt Funktionswäsche; ich noch die guten Baumwollenen. Bin ja Purist und immer den guten Dingen der Vergangenheit zugewandt. Ich muss aber zugeben, der moderne Klecker ist gar nicht so schlecht. Ich werde mir also Funktionshose, Hemd und Jacke zulegen müssen um mit meinem “Trailmate” mithalten zu können. Gäbe es auch längere Beine im Angebot. Ich würd sie nehmen.
Wir gelangen nach Ingelheim Hafen. Hier ist der Fluß richtig breit. Fast kann man schon Strom zu ihm sagen. Eines Tages werden wir die großen Ströme der Welt ablaufen. Was hält uns eigentlich auf? Unsere Füße jedenfalls nicht. Noch ist alles schön. Ein wenig ziehen im Knie, das wars auch schon.
Bingen ist erreicht. Die Promenade ist voller Menschen. Ein Holländischer Schiffer entlädt mit einem Kran seinen Pkw vom Schiff. Um diese Szene scharen sich Schaulustige – das Auto könnte ja auch in den Fluß stürzen.
Kilometer 22. Große Pause an der Nahe-Mündung. Wir nehmen ein kurzes Fußbad im eiskalten Wasser und besprechen unsere Wanderleiden. Wieder Studentenfutter und Schokolade. Ein wenig Obst. Es wird klar wie wichtig Nahrung auf den Wegen ist. Nicht nur die reine Energieversorgung soll mittels dem Fresspaket sichergestellt sein, sondern es sollen auch freudige Momente entstehen, wenn man dem Wanderpartner ganz urplötzlich sein liebstes Schmankerl unter die Nase hält. Hebt die Laune ungemein.
Wir lassen Bingen rechts liegen und machen uns auf den Rückweg. Die Füße schmerzen, die Oberschenkel spannen und die Darmarbeiten scheinen früher abgeschlossen als sonst. Verändert sich der Stoffwechsel? Noch innerhalb der Stadt ist das Restaurantschiff der hiesigen Seglergemeinschaft Horstens Rettung. Frisch, befreit (entleert) und etwas grün im Gesicht nimmt er dann wieder die Führung auf. Die Strecke von der Mündung bis zum Schiff war übrigens der am schnellsten marschierte Teil der ganzen Wanderung. :-)
Dem Weg zu folgen ist denkbar einfach; immer noch geradeaus. Nun jedoch weht uns in der anderen Richtung der Wind entgegen und es wird trotz der Sonne kalt. Immerhin bleibt uns Zeit die ersten Knospen am Wegesrand zu entdecken. Wir passieren die Böhringer Eiche. Ein Bild von einem Baum. Wie muss es sein an einem lauen Sommerabend unter diesem Baum zu liegen und mit der Liebsten zu schmusen.
Trotz aller Träume rücken die körperlichen Befindlichkeiten immer deutlicher ins Blickfeld. Solange wir laufen ist von den Ermüdungserscheinungen weniger zu spüren. Nach jeder Pause jedoch wird es schwieriger wieder in Gang zu geraten. Kilometer Dreißig ist gerade passiert. Alles was jetzt noch kommt, ist reine Kür. Wir verzichten auf das letzte Stück bis Budenheim und biegen in Höhe Ingelheim Richtung Bahnhof ab. Die Laune nähert sich der Verzweiflung als wir auf dem Hinweisschild lesen: Noch 6 Kilometer bis zur Erlösung. Der Asphalt der Straße ist nun härter als gewöhnlich. Kein federn im Fuß, kein ausweichen ins Gras. Elende häßliche Straße. Komme mir vor wie Frodo auf den letzten Metern zum Schlund. Wo ist mein Sam? Zwanzig Meter vor mir. Wir sind verschnupft miteinander. Man reibt sich halt.
Wir haben den heiligen Bahnhof erreicht. Es ist wie im Himmel. Ein Güterzug rauscht an uns vorbei. Ein freundlicher Passant weist uns auf einen Bus hin der über Budenheim fährt. Den nehmen wir und erfahren vom freundlichen Passanten, dass er gerade Vater geworden sei und nun überglücklich auf eine gemeinsame Zukunft mit der Kindsmutter hoffe. Der freundliche Passant entpuppt sich allerdings im Bus als anschlusssuchende Nervensäge – ich stelle mich schlafend.
In Budenheim entlasse ich Horst nur zu gerne in eine spanische Edelgaststätte zur wohlverdienten Ruhe. Ich muss noch drei Kilometer bis zum Parkplatz laufen. Muss das Auto holen. Merke die Strecke aber gar nicht mehr und bin nur noch froh den Zündschlüssel zu drehen. Horst sitzt zufrieden vorm Bier. Heute sind wir Helden. Ich bekomme einen Marine Stern und Horst ein Bienchen ins Muttiheft (Danke Antje!). Ich trink dann mal was…..
Laufleistung Horst: 39 Kilometer
Laufleistung Klaus: 42 Kilometer
Kategorie: Pfalz



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